Kinder brauchen Orientierung

Meine Frau hat in dem Kindergarten, in dem sie als Erzieherin gearbeitet hat, immer wieder eine sonderbare Erfahrung gemacht: Dieselben Kinder, die sich vormittags gerne in das Gruppengeschehen einbringen, verwandeln sich, sobald ihre Eltern sie aus dem Kindergarten abholen wollen, in wahre Furien. Mit Einwortsätzen kommandieren sie ihre Eltern herum: „Schuhe! Jacke!“ Sie verhalten sich ihren Eltern gegenüber völlig respektlos. Wie ist das möglich?

Wichtige Lebenserfahrungen

Ich beobachte, dass im Kindergarten klare Regeln herrschen: wie wir miteinander umgehen, miteinander reden, wie wir gemeinsam essen oder spielen. Auch zu Hause ist es wichtig, dass wir klare Regeln leben. Wir müssen auch lernen, deutlich Nein zu sagen, Grenzen zu setzen. Viel zu oft versuchen wir, mit Kindern im Kindergartenalter zu diskutieren, argumentativ Regeln aufzustellen. Damit sind Kinder in dem Alter überfordert.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich sollen wir unsere Kinder ernst nehmen. Natürlich dürfen wir ihnen auch deutlich signalisieren, dass ihre Meinung uns wichtig ist. Aber wir Eltern haben auch die Aufgabe, Regeln aufzustellen und für das Einhalten dieser Regeln zu sorgen. Oft haben wir Angst, Grenzen zu setzen, weil wir befürchten, uns damit unbeliebt zu machen. Meiner Erfahrung nach ist diese Sorge unbegründet.

Kinder brauchen Orientierung, um sich in dieser Welt zurechtzufinden, und diese Orientierung dürfen sie von uns erhalten. Das beinhaltet auch Grenzen zu benennen. Sicher ist das auch mit Konflikten verbunden, denn Kinder wollen ihre Grenzen austesten und reiben sich an uns. Grenzen gezeigt bekommen, Grenzen austesten, in Frage stellen, sich gegen sie auflehnen, aber auch Grenzen und Begrenztheit akzeptieren lernen, all das sind wichtige Lebenserfahrungen.

Respektvollen Umgang vorleben

Ich habe oft erlebt, dass in kinderreichen Familien der Umgang mit Grenzen anscheinend einfacher ist; jeder spürt da, dass meine grenzenlose Freiheit endet, wo ich die Freiheit anderer verletze. Ich darf nicht nur mein eigenes Wohl sehen, sondern muss auch das Wohl meine Geschwister, Familien, Freunde, meiner Mitmenschen im Blick haben. Dies ist etwas, was wir unseren Kindern vor allem vorleben können. Wenn die Kinder älter werden, darf auch das gemeinsame Aufstellen von Regeln erfolgen. Dieses glaubhafte Vorleben von respektvollem Umgang mit unseren Mitmenschen ist nicht einfach. Wir dürfen gerne im Gebet Gott um seine Hilfe bitte; ihn darum bitten, dass wir unsere Mitmenschen ein wenig mit den liebevollen Augen sehen lernen, mit denen Gott sie ansieht.

Uwe Lal ist Kindermusiker und Pädagoge. Mit seinen Mitmach- und Mutmach-Konzerten tritt er in Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden auf. www.uwelal.de

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