Offenes Herz an der Bettkante

Wenn es um uns leise wird, ist es in uns laut. Ich bemerke das auch bei meinen Kindern. Wenn sie sich abends in ihre Betten kuscheln, Stofftiere sortieren, sich den Rücken streicheln lassen und alles zur Ruhe kommt, dann sendet ihr Inneres noch ein paar angestaute Fragen an die Oberfläche. Keine Null-Acht-Fünfzehn-Fragen, sondern tiefschürfende philosophische, theologische oder wissenschaftliche Diskurse. Gerade dann, wenn mir die Puste des Tages auszugehen droht und ich bereits die Stille des Feierabends wittere. Hinzu kommt ein großes Nähe-Bedürfnis bei meinen achtjährigen Töchtern, die sich im Alltag bereits recht losgelöst von mir bewegen. Sie wollen den Mama-Tank am Abend noch mal mit Kuscheln und Liebesschwüren befüllen lassen.

Bedürftige Kinder versus Couch-Flucht-Trieb

Ich habe mich entschieden, dass ich diese wichtige Bettkanten-Zeit innerlich mit einplane. Ich kann ja auch nicht auf Knopfdruck zur Ruhe kommen. Und so starten wir die Ins-Bett-Geh-Phase schon 15 Minuten früher und gönnen uns nach der Gute-Nacht-Geschichte noch eine Bettkanten-Zeit. Wie fahrlässig wäre es, das nicht zu tun.

Meine Kinder versuchen diese Welt zu verstehen. Im Laufe des Tages begegnen ihnen neue Eindrücke, irritierende Erlebnisse, neue Gefühlswelten. Kinder haben Fragen. Und Kinder suchen Antworten. „ Mama, waren wir auch mal arm?“, „Glauben wir an den richtigen Gott?“, „Gibt es Böse, die Kinder klauen?“, „Warum findest du es gut, dass Deutschland den Krieg verloren hat?“

Wenn ich mir keine Zeit für ihre Fragen nehme, wohin gehen sie dann mit ihren Fragen? Sie schnappen mehr oder weniger sinnvolle Antworten von andern Kindern auf, unbedachte Sätze von Erwachsenen können sich einbrennen, aufgeschnappte Nachrichten im Radio prägen sich ein, eigene Phantasien liefern wilde Theorien.

Privileg und Verantwortung

Ich erlebe die Bettkante als ein offenes Fenster in das Herz meiner Kinder. Ich bin oft blöd genug, diese Fenster rasch schließen zu wollen, um endlich Feierabend zu haben. Doch diese Zeit ist ein Privileg und eine Verantwortung. Deshalb suche ich mit meinen Kindern nach Antworten. Manchmal darf ich gute Dinge in sie hineinsprechen. Manchmal reicht eine kurze Antwort und der fortführende Diskurs wird auf den Folgetag verschoben. Manchmal habe ich keine Antworten. Und das dürfen sie auch wissen.

Bettkanten-Zeit. Sich sortieren. Dinge abgeben können. Zur Ruhe kommen. Geliebt werden. Ich wünsche Ihnen und mir eine extra Portion Geduld und Freude für die besonderen Fragen an der Bettkante.

Ihre Johanna Walter

Johanna Walter liebt ihren Mann und ihre drei Kinder. Sie ist Sozial- & Religionspädagogin, Musikerin und Autorin. www.johannawalter.de

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