Was wir von Kindern übers Trösten lernen können

Es ist Februar. Bei uns im Rheinland herrscht absoluter Ausnahmezustand. Die fünfte Jahreszeit neigt sich nämlich mit dem Straßenkarneval dem Ende entgegen. Mein Mann, unsere Töchter und ich wollen dieses Jahr kräftig mitfeiern, da wir Silvester alle krank waren. Quasi als Ersatz. Außerdem sind wir Rheinländer, da kommen wir ums Mitschunkeln gar nicht herum. Wir haben uns tolle Aktionen ausgesucht, die wir mit zwei kleinen Kindern prima mitmachen können. Doch dann kommt plötzlich meine Oma ins Krankenhaus. Schnell ist klar, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Als ganze Familie stellen wir einen Schichtplan auf, damit die Oma zu keinem Zeitpunkt mehr alleine sein muss. Das ist es dann für mich mit dem Feiern.

Pragmatischer Umgang

Mir ist die Freude vergangen. Stundenlang sitze ich bei meiner Oma und begleite sie in ihren letzten Tagen. Mit meinem Mann vereinbare ich, dass die Kinder nicht zu kurz und zu ihrem Karnevalvergnügen kommen sollen. Das fällt den Kindern  nicht schwer. Sie gehen ganz pragmatisch mit dem Thema Tod um: „Toll, dann kann Uroma mit Jesus eine Party im Himmel feiern“, „Was passiert mit Uromas Sachen, wenn sie tot ist?“, „Wird Uroma nicht ganz schmutzig, wenn sie unter der Erde liegt?“ … und wenden sich schnell wieder dem Thema Karneval zu. Ich kann das Thema Tod nicht so einfach unter die Füße bringen und suche Trost bei den älteren Mitgliedern der Familie und bei meinen Freundinnen. Mir wird zugehört, Bibelverse werden zur Ermutigung zugesprochen, Hilfe im Alltag angeboten. Doch den besten Trost spricht mir meine fünfjährige Tochter zu. Als ich eines Abends weinend vom  Sterbebett meiner Oma heimkomme, läuft sie mir freudestrahlend entgegen. Sie stockt, als sie sieht, dass ich sie nicht so fröhlich wie gewohnt begrüße, nimmt mich in den Arm und sagt: „Mama, eigentlich war mein Tag richtig schön, aber jetzt, wo ich sehe, dass du traurig bist, bin ich es auf einmal auch, und ich weiß gar nicht, warum.“ Erneut kommen mir die Tränen, diesmal vor lauter Rührung. Rührung, dass meine Große ihr Mitgefühl entdeckt hat.

Erst fühlen, dann reden

Ihr Mitgefühl gibt mir den besten Trost: Ich bin traurig, weil du traurig bist. Ganz einfach! Diese Worte, ganz pur, ganz ehrlich, haben mich inspiriert, dass Trost nicht mit vielen Worten, passenden Bibelversen und vergleichbaren Erlebnissen gespickt sein muss. Trost ist Mitgefühl. Seit diesem Tag bemühe ich mein Hirn nicht mehr um auswendig gelernte Verse, wenn ich um Rat gefragt werde,  überlege nicht sofort, ob mir schon mal etwas Vergleichbares widerfahren ist, wovon mein Gegenüber vielleicht profitieren kann, sondern höre erst mal in mich hinein, was ich gerade fühle. Denn ich habe von meiner Tochter gelernt, dass Trost und Anteilnahme ganz simpel daher kommen dürfen, und sei es, dass ich sage: „Ich bin sprachlos, ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen kann, damit es dir besser geht.“ Alles andere kann ich bei Bedarf immer noch hinterherschieben.

Von Vanessa Weirich

 

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