„Mir ist langweilig!“ – Wie Kinder ihre Gefühle ausdrücken

„Mir ist langweilig – ich will sterben.“ Mit diesen Worten überraschte mich mein fünfjähriger Sohn. Ich wusste nicht, ob ich lachen, schimpfen oder heulen wollte. Also habe ich erst einmal weitergeatmet und bin der Situation näher auf den Grund gegangen.

Natürlich wundere ich mich als Mama, wenn mein Sohn in seinem liebevoll gestalteten Zimmer mit diversen Spiel-Optionen sitzt und von Langeweile spricht. Was bedeutet Langeweile? Kinder gebrauchen zwar Worte aus unserem Wortschatz, füllen sie jedoch manchmal mit einem ganz anderen Inhalt. Denn für manche Empfindungen fehlen ihnen noch die passenden Worte. So bedienen sie sich der Ausdrücke, die sie bereits kennen.

Zu wenig Entertainment?

Wir kennen Langeweile als ein Gefühl der Eintönigkeit und als einen Mangel an Anregung. Natürlich kann ein Kind diese Langeweile empfinden. Es sitzt da und weiß nichts mit sich anzufangen. Keine Geschwister, Großeltern oder Medien sind zum Entertainment da. Das ist super! Kinderpsychologen finden, die Kinder sollten sich viel mehr langweilen dürfen, denn daraus schöpfen sie die kreativsten Spielideen. Eltern mögen ihren Kindern Zeiten der langen Weile gönnen, sodass Kinder eigene Spiele, eigene Kreativität entwickeln. Wer immer nur von außen bespielt, beschult, und berieselt wird, der hat keine Zeit, das Fenster zur eigenen inneren Welt zu öffnen.

Langeweile oder Überforderung?

Die Langweile, die mein Sohn zum Ausdruck brachte, war jedoch anderer Natur. Als wir uns über die schreckliche Langeweile seines kleinen Lebens unterhielten, merkte ich, dass mein Sohn überfordert war. Scheinbar beschäftigten ihn allerlei Eindrücke aus dem Kindergarten. Ängste und Sorgen hatten sich zu einem Gewitter im Kinderkopf zusammengebraut und überreizten die Nerven. „Langeweile“ war zu einem Synonym für „Überforderung“ geworden. Der Nachsatz „Ich will sterben“ war in dieser Überforderung der Hilferuf: „Ich komm gerade mit mir selbst nicht zurecht. Ich kriege mich nicht sortiert und kann nicht beschreiben, was ich fühle. Ich möchte aus der Situation raustreten und weg sein.“

Da sind die Erste-Hilfe-Maßnahmen: Kuscheln, Zeit nehmen und reden, reden, reden. Wie gut, wenn wir unseren Kindern helfen können, sich selbst zu sortieren. Wie dumm wäre es von mir gewesen zu antworten: „Stell dich nicht so an. Dein Zimmer ist voller Kram zum Spielen. Andere Kinder haben gar keine Spielsachen. Es kommt alles in den Keller.“ Das wäre definitiv keine Hilfe gewesen, war aber mein erster Gedanke.

Als Eltern sind wir immer wieder herausgefordert genau hinzuhören und unseren Kindern Zeit zu schenken. Vielleicht kann man sich auch mal zusammen langweilen, die Fenster zur inneren Welt öffnen und staunen was passiert.

Ihre Johanna Walter

Johanna Walter liebt ihren Mann und ihre drei Kinder. Sie ist Sozial- & Religionspädagogin, Musikerin und Autorin. www.johannawalter.de

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