Kinderweisheiten

Ob man sich jemals im Leben wieder so grundsätzliche Gedanken über Gott und die Welt macht wie im Alter von Drei bis Sieben? Ich kann es mir kaum vorstellen. Diese Lebensphase ist einfach traumhaft. Man entdeckt die Welt, versteht Zusammenhänge, erobert sich neue Räume und Fähigkeiten – und mancher trägt in diesen Jahren eine tiefe Weisheit in sich, die ihresgleichen sucht. In der entzückenden Fernsehserie „Eine himmlische Familie“ sitzen einmal die beiden jüngsten Kinder versonnen auf der Treppe. Der Ältere fragt die Kleine: „Sag mal, kannst du dich noch erinnern, wie Gottes Stimme klingt?“ Kann sie nicht. Ist auch schon zu lange her. Aber offensichtlich haben die beiden es sehr verinnerlicht, dass wir von Gott herkommen. Dieser so ganz unmittelbare Gottesbezug ist schön. Vielleicht meinte Jesus auch so etwas, als er seine Jünger aufforderte, wie die Kinder zu werden. Etwas Besseres kann uns doch gar nicht passieren, als dass wir mit so kindlicher Neugier und Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass es Gott gibt und er natürlich etwas mit uns zu tun hat. Mit so einem kindlichen Urvertrauen kann man dann auch die verrücktesten Fragen stellen. Und entweder nachfragen, bis man eine befriedigende Antwort bekommt – oder sogar aushalten, dass es keine gibt. Nach meiner Beobachtung hängt das Vertrauen der Kinder nicht an einleuchtenden Erklärungen. Sie stellen ihre Fragen nach Gott und der Welt – im wahrsten Sinne der Worte. Und sie wollen Antworten, durchaus. Aber manchmal reicht es auch schon, wenn ein Erwachsener da ist und mit ihnen nachdenkt, beantwortet, was er beantworten kann, und den Rest mit aushält. Die bisherige Krönung unserer theologischen Reflexionen fand auf einem Spielplatz statt. Unsere beiden Großen kletterten mit dem Papa um die Wette in einem großen Kletternetz. Am Fuß des Netzes saßen unser Jüngster, damals knapp drei Jahre alt, und ich und schauten ihnen zu. Plötzlich fragte er, während er die Kletternden weiter betrachtete: „Du, Mami, ist Papi Gott?“ Ich antwortete schmunzelnd: „Nein …“ Er überlegte, und man sah seiner Stirn die großen Gedanken geradezu an, die er dahinter bewegte. Dann blickte er mich an und fragte: „Bist du Gott?“ Ich musste mir das Lachen verkneifen und antwortete relativ gefasst: „Nein …!“ Nach einer längeren, nachdenklichen Pause stellte er fest: „Ich bin nicht Gott!“ Für diese Erkenntnis brauchen Erwachsene manchmal deutlich länger …

Von Friederike Meißner

Dieser Text ist zuerst in der Zeitschrift „Kleine Leute – Großer Gott“  (www.klgg.de) erschienen. „Kleine Leute – Großer Gott“ ist ein Materialheft für alle Leiter und Mitarbeiter, die mit Kindern im Kindergarten- und Vorschulalter arbeiten.

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