Wie Kinder trauern. Oder auch nicht.

Trauer kommt in Wellen. Bei Kindern und Erwachsenen. Sie überrollt einen ganz überraschend. Wenn es Gerüche, Geräusche, Bilder oder Musik gibt, die einen erinnern. An den Menschen, den man geliebt hat, und der jetzt tot ist. Diese Erinnerungen lösen Gefühle aus. Nicht nur Traurigkeit. Auch Wut. Weil der geliebte Mensch nicht mehr da ist. Ungläubigkeit. Weil diese Lücke so unbegreiflich ist. Eine Mischung aus all dem. Es schmeißt uns um, und wir erkennen uns selbst oft nicht wieder, in dieser Welle. Wir versuchen, Orientierung zu erlangen, wieder neuen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Kindern geht es genauso. Aber ihre Wellen sind kleiner und schneller. Eher wie Pfützen. Sie springen in die Trauer hinein. Fühlen. Fragen. Und springen gleich wieder heraus. Deshalb sprechen sie oft ohne Vorwarnung über den Tod. Was Erwachsene oft überrumpelt. Und kaum hat man sich innerlich auf das Thema eingestellt, ist das Kind schon wieder raus gehüpft aus der Trauer.

Trauern dürfen im eigenen Stil

Wie ein Kind trauert, ist auch von der Persönlichkeit abhängig. Ein introvertiertes Kind macht mehr mit sich selbst aus und sucht seine Ausdrucksmöglichkeit in leisen Aktionen wie Malen oder Musik. Ein extrovertiertes Kind erzählt es jedem, egal, ob man es hören will. Zumindest wenn man es lässt. Das wiederum hängt mit der Familienstruktur zusammen. Jede Familie hat eigene unausgesprochene Regeln und Werte. Und die prägen auch die Trauer.

Genauso wie bei Erwachsenen gibt es keine Norm, wie ein Kind trauert. Es gibt kein gut oder schlecht. Wichtig ist nur, dass ein Kind überhaupt die Möglichkeit hat, seiner Trauer Ausdruck zu verleihen.

Scheinbar unsichtbare Trauer

Andererseits können Erwachsene keine Tränenausbrüche von Kindern erwarten. Trauer ist auch immer bindungsabhängig. Ich hatte etwa zu einer Oma eine enge Beziehung. Als sie gestorben ist, war ich erschüttert. Nachdem meine andere Oma starb, war ich zwar traurig, aber längst nicht so betroffen. Weil wir nicht so stark miteinander verbunden waren. Wie tief der Tod ein Kind trifft, hängt immer damit zusammen, wie nahe es der Person stand.

„Warum weinst du denn gar nicht? Dein Papa ist doch gestorben!“, hätte man meine Tochter vor fast zwei Jahren fragen können. Denn sie hat kaum eine Träne vergossen, nachdem ihr Vater Suizid begangen hat. Das lag allerdings nicht an der fehlenden Bindung zu ihm, sondern an ihrem Alter. Sie war erst drei. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie weiter gespielt wie immer. Aber sie hat schlecht geschlafen. Und ihr tat der Fuß weh. Weil Kinder in diesem Alter ihre Gefühle noch nicht gut benennen können, drücken sie diese anders aus. Durch den Körper. Oder durch Malen.

Heute, als Fünfjährige, fragt sie gezielt, was ein Suizid eigentlich ist. Je nach Alter und Entwicklungsstand wird immer wieder neu getrauert und dem Tod ein anderes Gesicht gegeben. Heute kann sie sagen, dass ihr bei der Bestattung ihres Papas innerlich so kalt war. Dass sie in ihrer Seele gefroren hat. Heute, nachdem ihr Opa gestorben ist, kann sie sagen: „Ich bin traurig, dass Opa nicht mehr da ist. Aber auch wütend. Der hätte mal besser nicht so viel geraucht!“

Aktiv trauern

Damit Kinder sich trauen zu trauern, müssen auch wir Erwachsene unseren Weg mit der Trauer finden. Es ist nicht immer einfach, sowohl den eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und die des Kindes zu respektieren. Ich habe meine Trauer um meinen Mann meiner Tochter gegenüber nicht versteckt. Aber ich habe ihr auch nicht alles zugemutet. Wenn ich gespürt habe, da kommt jetzt nicht nur eine Trauerwelle, sondern ein ganzer Tsunami, habe ich sie mit etwas beschäftigt oder einer sicheren Person anvertraut. Nach so einem Trauer-Tsunami fühlt man sich wie erschlagen. Wenn dann meine Tochter ausgerechnet noch einen Brief an ihren toten Papa schreiben möchte, geht das ganz schön an die Substanz. Doch es lohnt sich. Weil wir mit jeder Welle dem Festland näher kommen.

Wir können auch mit der Welle surfen. Trauer aktiv gestalten. Meine Tochter hat die Urne für die Seebestattung ihres Papas verziert. Als jetzt ihr Opa gestorben ist, war es ihre Idee, drei Blumen für seine Waldbestattung auszusuchen: „Eine rote für die Liebe, eine weiße für die Seele und eine gelbe für die Sonne.“ Kreativität hilft beim Verarbeiten. Und die schönen Erinnerungen zu bewahren und zu feiern. Wir haben zum Beispiel einen Koffer mit Gegenständen und Fotos von ihrem Vater, den sie jederzeit ansehen und neu füllen kann.

Einen neuen Platz finden

Nicht nur in unserem Leben verändert sich etwas, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Auch der Verstorbene braucht einen neuen Platz. Einen Ort, wo wir ihn gut aufgehoben wissen. Der christliche Glaube bietet uns die Möglichkeit, ihm eine himmlische Heimat zu geben. Zu wissen, dass geliebte Menschen nun nicht mehr leiden und es ihnen in der unmittelbaren Nähe Gottes gutgeht, hilft beim Loslassen und der Neuausrichtung des eigenen Lebens.

Kinder haben vom Himmel oft eine ganz eigene Vorstellung. Meine Tochter hatte je nach Alter unterschiedliche Ansichten, wo Papa Markus jetzt ist. Mal war es eine Wolke, dann hat er das rote Auto mitgenommen in den Himmel, aktuell feiert er mit Opa und anderen Verstorbenen eine Party, bei der sie essen und trinken können, ohne dass sie davon krank werden. Ihr aus theologischen Überlegungen diese Vorstellung zu rauben oder sie zu korrigieren, würde sie sehr verunsichern. Wer weiß schließlich auch, wie es wirklich im Himmel ist?

Nicole Schenderlein ist Journalistin und Projektleiterin von „Blattwenden“ – ein Angebot für Suizidhinterbliebene: www.green-woman.de

Dieser Beitrag ist zuerst in der Zeitschrift Family erschienen.

Buchtipps:

Martina Baumbach und Verena Körting: Nie mehr Wolkengucken mit Opa? (Gabriel) – ein Bilderbuch für kleinere Kinder mit Tipps für Eltern im Anhang

 

Gabriele Schmidt-Klering: Mit Kindern gemeinsam trauern (Reinhardt) – ein kompakter und gut verständlicher Ratgeber für Erwachsene

 

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe (Kunstmann) – kleines Bilderbuch für Kinder und Erwachsene, das die Angst vor dem Tod nimmt

 

„Mir ist langweilig!“ – Wie Kinder ihre Gefühle ausdrücken

„Mir ist langweilig – ich will sterben.“ Mit diesen Worten überraschte mich mein fünfjähriger Sohn. Ich wusste nicht, ob ich lachen, schimpfen oder heulen wollte. Also habe ich erst einmal weitergeatmet und bin der Situation näher auf den Grund gegangen.

Natürlich wundere ich mich als Mama, wenn mein Sohn in seinem liebevoll gestalteten Zimmer mit diversen Spiel-Optionen sitzt und von Langeweile spricht. Was bedeutet Langeweile? Kinder gebrauchen zwar Worte aus unserem Wortschatz, füllen sie jedoch manchmal mit einem ganz anderen Inhalt. Denn für manche Empfindungen fehlen ihnen noch die passenden Worte. So bedienen sie sich der Ausdrücke, die sie bereits kennen.

Zu wenig Entertainment?

Wir kennen Langeweile als ein Gefühl der Eintönigkeit und als einen Mangel an Anregung. Natürlich kann ein Kind diese Langeweile empfinden. Es sitzt da und weiß nichts mit sich anzufangen. Keine Geschwister, Großeltern oder Medien sind zum Entertainment da. Das ist super! Kinderpsychologen finden, die Kinder sollten sich viel mehr langweilen dürfen, denn daraus schöpfen sie die kreativsten Spielideen. Eltern mögen ihren Kindern Zeiten der langen Weile gönnen, sodass Kinder eigene Spiele, eigene Kreativität entwickeln. Wer immer nur von außen bespielt, beschult, und berieselt wird, der hat keine Zeit, das Fenster zur eigenen inneren Welt zu öffnen.

Langeweile oder Überforderung?

Die Langweile, die mein Sohn zum Ausdruck brachte, war jedoch anderer Natur. Als wir uns über die schreckliche Langeweile seines kleinen Lebens unterhielten, merkte ich, dass mein Sohn überfordert war. Scheinbar beschäftigten ihn allerlei Eindrücke aus dem Kindergarten. Ängste und Sorgen hatten sich zu einem Gewitter im Kinderkopf zusammengebraut und überreizten die Nerven. „Langeweile“ war zu einem Synonym für „Überforderung“ geworden. Der Nachsatz „Ich will sterben“ war in dieser Überforderung der Hilferuf: „Ich komm gerade mit mir selbst nicht zurecht. Ich kriege mich nicht sortiert und kann nicht beschreiben, was ich fühle. Ich möchte aus der Situation raustreten und weg sein.“

Da sind die Erste-Hilfe-Maßnahmen: Kuscheln, Zeit nehmen und reden, reden, reden. Wie gut, wenn wir unseren Kindern helfen können, sich selbst zu sortieren. Wie dumm wäre es von mir gewesen zu antworten: „Stell dich nicht so an. Dein Zimmer ist voller Kram zum Spielen. Andere Kinder haben gar keine Spielsachen. Es kommt alles in den Keller.“ Das wäre definitiv keine Hilfe gewesen, war aber mein erster Gedanke.

Als Eltern sind wir immer wieder herausgefordert genau hinzuhören und unseren Kindern Zeit zu schenken. Vielleicht kann man sich auch mal zusammen langweilen, die Fenster zur inneren Welt öffnen und staunen was passiert.

Ihre Johanna Walter

Johanna Walter liebt ihren Mann und ihre drei Kinder. Sie ist Sozial- & Religionspädagogin, Musikerin und Autorin. www.johannawalter.de

Kinderkonzerte mit Uwe Lal

Der Pädagoge und Kindermusiker Uwe Lal ist mit seinen Mitmachkonzerten in ganz Deutschland unterwegs. Vielleicht auch in Ihrer Nähe?
16.01.2020 D-29225 Celle, Tel: 05141/34689
25.01.2020 D-58642 Iserlohn, Tel: 02374/3359
21.03.2020 D-45219 Essen, Tel: 02054/15059
22.03.2020 D-45219 Essen, Tel: 02054/15059
14.04.2020 D-74193 Schwaigern, Tel: 07138/2369940
15.04.2020 D-74193 Schwaigern, Tel: 07138/2369940
16.04.2020 D-74193 Schwaigern, Tel: 07138/2369940
17.04.2020 D-74193 Schwaigern, Tel: 07138/2369940
22.04.2020 D-99974 Mühlhausen, Tel: 03601/813194
04.05.2020 D-57392 Schmallenberg-Wormbach, Tel: 02972/3648532
28.06.2020 D-61231 Bad Nauheim, Tel: 06032/85730
05.12.2020 D-54550 Daun, Tel: 06592/939204
Weitere Termine und Infos: www.uwelal.de

Das richtige Maß an Zuwendung

„Unser zweiter Sohn (3) ist ein sehr braves und kooperierendes Kind. Die Geburt seiner kleinen Schwester vor wenigen Monaten hat er gut weggesteckt. Nun fragte mich eine Erzieherin, ob er zu kurz komme. Sollte ich ihm mehr Aufmerksamkeit schenken, obwohl er so unproblematisch ist?“ 

Rückmeldungen von außen haben einen Wert. Sie sind deshalb so wertvoll, da sie Eltern die Möglichkeit geben, einen Schritt zurückzutreten und ihr Verhalten, das ihres Kindes und das Zusammenspiel als Familie bewusster wahrzunehmen. Dabei können einige wichtige Veränderungen für die Entwicklung des Kindes angestoßen oder gar ein verfahrenes negatives Muster zwischen Eltern und Kind entlarvt werden. Alles in allem ist es eine Einladung zum Hinsehen.

Bewusst beobachten

Wachsame und mitdenkende Erzieherinnen sind eine Bereicherung. Jedoch haben Menschen mit pädagogischem Beruf wie Erzieher oder Lehrer, aber auch Großeltern oder Freunde nicht per se den „besseren“ Blick auf das eigene Kind. Wenn Fachkräfte aber zum genauen Hinsehen auffordern, kann das dazu führen, dass Eltern sich vergewissern: So wollen wir das Miteinander. Es ist gut so.

Sicherlich war die Begegnung mit der Erzieherin, von der Sie berichten, nicht ganz einfach. Das Gefühl, Ihren Sohn, seinen großen Bruder und nun auch noch das Baby nicht aus dem Blick zu verlieren, ist sicherlich fordernd genug für Sie. Doch anstatt sich mit Fragen und Vorwürfen zu beschäftigen, möchte ich Sie ermutigen, diese Rückmeldung als Chance zu sehen, Ihren Sohn und sein kooperierendes Verhalten einmal bewusst zu betrachten.

Folgende Fragen können Ihnen dabei helfen:

  • Drückt er Ärger aus, wenn er übersehen oder missverstanden wird?
  • Gibt es Momente, in denen er einen bewussten Blickkontakt oder Kuschelzeit von Ihnen benötigt?
  • Wissen Sie, was ihn zum Lachen bringt, was er gern isst oder welches Buch gerade sein Favorit ist?

Diese kleinen Alltagsmomente können Hinweise sein, ob er mit seiner wenig fordernden Art ausreichend Nähe bekommt und seine Bedürfnisse ausdrückt.

Emotionen benennen

Sie können ihm dabei helfen, seine Gedanken und Wünsche zu erspüren. Manchmal hilft eine kleine Minute mit einem Bilderbuch oder einem Wimmelbuch, in dem Menschen verschiedene Emotionen durch ihren Gesichtsausdruck zeigen. Sie können bewusst fragen: Wann bist du zornig? Anschließend können Sie mit einem Spiel verschiedene Gesichtsausdrücke aus dem Buch nachahmen.

Um ihm zu helfen, sich wahrgenommen zu fühlen, nennen Sie zum Beispiel am Esstisch bewusst seinen Namen, sehen Sie ihn an und lassen Sie ihn als Erstes ausdrücken, was er für sein Brot als Aufstrich wählt. Oder fragen Sie ihn während der Autofahrt: „Wie fühlst du dich? Welches Lied wollen wir zusammen singen?“

Insgesamt muss er nicht unbedingt auf ein Geschwisterchen mit Aufruhr und Trotz reagieren. Es gibt Kinder, die in sich ruhen und auch auf starke Veränderungen sehr gelassen reagieren. Auch das darf das Ergebnis Ihrer Beobachtung sein.

Stefanie Diekmann

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Family erschienen. Family ist wertvoller Begleiter und Ratgeber für Eltern – von den ersten Zähnen bis zur Pubertät. Außerdem gibt Family Tipps für die Partnerschaft mitten in der aufregenden Kinderphase.

 

Offenes Herz an der Bettkante

Wenn es um uns leise wird, ist es in uns laut. Ich bemerke das auch bei meinen Kindern. Wenn sie sich abends in ihre Betten kuscheln, Stofftiere sortieren, sich den Rücken streicheln lassen und alles zur Ruhe kommt, dann sendet ihr Inneres noch ein paar angestaute Fragen an die Oberfläche. Keine Null-Acht-Fünfzehn-Fragen, sondern tiefschürfende philosophische, theologische oder wissenschaftliche Diskurse. Gerade dann, wenn mir die Puste des Tages auszugehen droht und ich bereits die Stille des Feierabends wittere. Hinzu kommt ein großes Nähe-Bedürfnis bei meinen achtjährigen Töchtern, die sich im Alltag bereits recht losgelöst von mir bewegen. Sie wollen den Mama-Tank am Abend noch mal mit Kuscheln und Liebesschwüren befüllen lassen.

Bedürftige Kinder versus Couch-Flucht-Trieb

Ich habe mich entschieden, dass ich diese wichtige Bettkanten-Zeit innerlich mit einplane. Ich kann ja auch nicht auf Knopfdruck zur Ruhe kommen. Und so starten wir die Ins-Bett-Geh-Phase schon 15 Minuten früher und gönnen uns nach der Gute-Nacht-Geschichte noch eine Bettkanten-Zeit. Wie fahrlässig wäre es, das nicht zu tun.

Meine Kinder versuchen diese Welt zu verstehen. Im Laufe des Tages begegnen ihnen neue Eindrücke, irritierende Erlebnisse, neue Gefühlswelten. Kinder haben Fragen. Und Kinder suchen Antworten. „ Mama, waren wir auch mal arm?“, „Glauben wir an den richtigen Gott?“, „Gibt es Böse, die Kinder klauen?“, „Warum findest du es gut, dass Deutschland den Krieg verloren hat?“

Wenn ich mir keine Zeit für ihre Fragen nehme, wohin gehen sie dann mit ihren Fragen? Sie schnappen mehr oder weniger sinnvolle Antworten von andern Kindern auf, unbedachte Sätze von Erwachsenen können sich einbrennen, aufgeschnappte Nachrichten im Radio prägen sich ein, eigene Phantasien liefern wilde Theorien.

Privileg und Verantwortung

Ich erlebe die Bettkante als ein offenes Fenster in das Herz meiner Kinder. Ich bin oft blöd genug, diese Fenster rasch schließen zu wollen, um endlich Feierabend zu haben. Doch diese Zeit ist ein Privileg und eine Verantwortung. Deshalb suche ich mit meinen Kindern nach Antworten. Manchmal darf ich gute Dinge in sie hineinsprechen. Manchmal reicht eine kurze Antwort und der fortführende Diskurs wird auf den Folgetag verschoben. Manchmal habe ich keine Antworten. Und das dürfen sie auch wissen.

Bettkanten-Zeit. Sich sortieren. Dinge abgeben können. Zur Ruhe kommen. Geliebt werden. Ich wünsche Ihnen und mir eine extra Portion Geduld und Freude für die besonderen Fragen an der Bettkante.

Ihre Johanna Walter

Johanna Walter liebt ihren Mann und ihre drei Kinder. Sie ist Sozial- & Religionspädagogin, Musikerin und Autorin. www.johannawalter.de

Unser Kind ist schon 3 – wie werden wir den Schnuller los?

Der Schnuller gehört zum Alltag vieler Kinder. Ein Baby hat das Bedürfnis zu saugen, das man ruhig unterstützen kann, denn das Saugen – an der Brust oder an einem Schnuller – trainiert nicht nur Muskelfunktion, Kiefer und Gebiss, sondern beruhigt das Baby auch. Mit den ersten Milchzähnen löst der Kaureflex den Saugreflex ab. Bereits am Ende des ersten Lebensjahres wäre also ein guter Zeitpunkt, dem Kind den Schnuller abzugewöhnen.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind!

Ihr Kind trägt den Schnuller nun schon viel länger – und das wahrscheinlich aus gutem Grund. Oft ist der Schnuller auch für die Eltern ein Instrument, das „in Not“ hilft, von Unruhe befreit. Es ist die „kleine Sicherheit“. Wenn Eltern den Schnuller ungern weglassen, spürt das Kind es. Wie soll es sich vom Schnuller verabschieden, wenn es in Ihnen die Angst vor dem Loslassen fühlt? Umso wichtiger ist es, dass erst einmal Sie Entschlossenheit und Natürlichkeit zu diesem Thema finden. Lösen Sie sich zunächst selbst von der Schnuller-Zeit. Inkonsequenz und Unsicherheit ziehen die Abgewöhnungsphase unnötig in die Länge und verunsichern das Kind.

Wenn Sie so weit sind, suchen Sie einen Zeitraum für die Abgewöhnungsphase von etwa drei Wochen. Sprechen Sie auch mit ihrem Kind über das Thema. Manchmal wirkt es so, als würden Kinder nicht verstehen oder abblocken, weil sie woanders hinsehen oder etwas antworten, das nicht zum Thema passt. Wenn Ihr Kind jedoch beiläufig beginnt, Fragen zu stellen, im Spiel darüber redet, merken Sie, wie Sie Vorarbeit leisten. Hilfreich kann auch die neutrale gemeinsame Beobachtung von erwachsenen Vorbildern oder Alltagshelden der Kinder sein, wie die Polizistin oder der Müllmann, und die Feststellung, dass sie keine Schnuller tragen.

Schnuller nicht einfach wegwerfen

Unterschätzen Sie nicht die emotionale Bindung, die Ihr Kind bereits zum Schnuller hat. Er gehört zur Wirklichkeit des Kindes, der Gewohnheitsfaktor ist entsprechend hoch, aber auch die Sicherheit und Verbundenheit zu ihm. Es ist deshalb nicht ratsam, den Schnuller achtlos wegzuschmeißen. Schmieden Sie einen Plan, der zu ihnen als Familie passt. Stärken Sie den eigenen Willen des Kindes, sich auf die Neuerung einzulassen und unterstützen Sie so die Loslösung. Neben der Schnullerfee, dem Vergraben des Schnullers im Garten, um zu sehen, ob ein Schnullerbaum wächst oder dem Verschenken des Schnullers an fiktive oder echte andere Babys gibt es viele Ideen, die Kindern und Erwachsenen dabei helfen, den Weg in die Schnuller-Freiheit zu finden.

Kinder, die der Logik sehr verbunden sind, kann es aber auch helfen, wenn sie den Schnuller zu einem selbstgewählten Zeitpunkt allein mit einer Schere zerschneiden. Sie werfen ihn selbst weg und wissen genau, dass der Schnuller nun kaputt und von der Müllabfuhr mitgenommen wird, weil er nicht mehr gebraucht wird. Bleiben Sie in jedem Fall wohlwollend und liebevoll. So werden Sie Ihr Kind gut in die Schnuller-Freiheit führen.

Irina Kostic ist Kinderkrankenschwester, Autorin und Schulsozialarbeiterin. www.irinakostic.de

Weihnachtliche Glitzerpost

Plätzchen knabbernd und tuschelnd sitzen meine Zwillinge am Wohnzimmertisch. Am Adventskranz flackern schon drei Kerzen. „Die Lea sagt, an Weihnachten klingelt immer das Christkind, verschwindet und lässt Geschenke da“, sagt die Eine und ergänzt mit betont kindlicher Lässigkeit, „aber sie hat genau gesehen, wie ihr Papa geklingelt hat.“

Ich muss mir ein lautes Lachen verkneifen, um mich nicht als ungebetene Zuhörerin zu outen. Weihnachten. Mit Kindern im Haus kehrt ein gewisser Zauber wieder ein. Und wir sind herausgefordert unseren Kindern etwas zu erzählen – über Weihnachten. Überall im Angebot: Märchen, Christkind, Weihnachtsmann. Echt jetzt?

Kinder wollen es wissen. Wirklich wissen. Das ist eure Chance, ein Wunder in ihre Herzen zu legen. Für diese wunderliche Weihnachtsgeschichte von Jesu Geburt brauchen wir definitiv etwas von unserer gottgegebenen Fantasie. Denn diese Geschichte ist geheimnisvoll. Rätselhaft. Genau wie dieser Brief. Der glitzernde, goldene Briefumschlag in unserem Briefkasten. Die Kinder haben ihn am Weihnachtsmorgen herausgefischt und kamen mit blinkenden Augen ins Wohnzimmer gestürzt. Himmelspost! Handgeschrieben! Wir machen es uns gemütlich und ich lese:

Liebe Anna, liebe Jule und lieber Niklas* (Namen geändert)

Ich bin´s, Jesus, das Geburtstagskind! Habt ihr euch auch schon so auf Weihnachten gefreut?

Mit eurem Fest heute, erinnert ihr euch daran, wie ich vor vielen Jahren in einem Stall geboren wurde. Wisst ihr, wie der Ort heißt? Kennt ihr den Namen von meiner Mama und meinem Papa?

Ich habe damals mein Zuhause bei meinem Papa im Himmel verlassen und bin als Baby auf die Erde gekommen – wie du. Ich wollte es genauso machen wie du, um dir zu begegnen. Heute bin ich kein Baby mehr, das in einer Futterkrippe liegt. Heute will ich in deinem Herzen wohnen. Auch wenn du mich nicht sehen kannst, ich bin immer bei dir. Ich hab dich lieb.

Ich freue mich, dass du an mich denkst und heute meinen Geburtstag feierst.

Fröhliche Weihnachten, dein Jesus.

Ich liebe fantastische Geschichten, wenn sie mit ihrer Bildhaftigkeit die komplizierten Dinge so einfach und spürbar mitten in unser Herz katapultieren. Kinder zwischen vier und sieben Jahren erleben eine regelrecht magisch-fantastische Phase. Wunderbar, um die Weihnachtsgeschichte lebendig werden zu lassen. Glitzerpost. Unsere kleine Weihnachts-Tradition. Ein fantasievoller Rahmen für die schönste aller Wahrheiten: „Jesus kommt zu uns!“

Einige Jahre später. Weihnachten. Glitzerpost. Plötzlich tauchen in den Kinderköpfen neue Fragen auf: „Hat Jesus den wirklich mit der Hand geschrieben und hier eingeworfen?“ Ich versuche noch mit einem geheimnisvollen Grinsen und Achselzucken auszuweichen – um nicht zu lügen. Aber keine Chance. Ich schüttle etwas Glitzer ab und entzaubere die fantasievolle Rahmengeschichte. Denn wenn Kinder aus der „Fantasiewelt“ aussteigen wollen, dann brauchen sie ehrliche Antworten von uns. „Kinder, die Idee für den Brief kam von Jesus. Er hat mir seine Gedanken über euch gezeigt und alles was in dem Brief steht, findet ihr auch in eurer Bibel. Der Inhalt des Briefes ist wahr.“ Ich halte inne und das Kind in mir schaut sehnsüchtig zum Himmel und will ihn endlich sehen.

Wunderbare Weihnachten wünsche ich Ihnen.

Ihre Johanna Walter

www.johannawalter.de

Neues aus dem Nachbarbüro

Für Teenager in Ihrem Umfeld, die großen Cousins und Cousinen, gibt’s jetzt die Zeitschrift Teensmag im neuen Look. Teensmag kommt aus demselben Haus wie Family FIPS. Wir haben beim Teensmag-Redakteur Tobias Hambuch nachgefragt.

Warum brauchen Jugendliche Teensmag?

Für Jugendliche in der Phase zwischen Kindsein und Erwachsenwerden scheinen Glaube und Alltag schnell unvereinbar. Hier setzt Teensmag an – mit Artikeln, die mitten ins Leben sprechen und Herausforderungen, die anspornen, den nächsten Schritt zu gehen. Der Fokus liegt dabei auf Tiefgang-Themen wie Sinn, Identität, Selbstwert, Beziehungen, Berufung, Bibel und Gebet. Unsere Autoren weiten die Perspektive und geben Orientierung bei den großen Lebensfragen.

Teensmag gibt es bereits seit 25 Jahren. Was bleibt weiterhin euer Anliegen?

Teensmag will Jugendliche befähigen, ihr Potenzial zu entdecken, sie herausfordern, sich auszuprobieren und ihre Talente einzubringen. Dabei setzen wir bei den Wurzeln an, stärken in der Identität und führen den Jugendlichen vor Augen, dass sie bedingungslos geliebt sind. So begeistern wir sie für einen echten, authentischen Glauben. Die Teensmag macht dabei auch einfach Spaß – dank kniffliger Rätsel und inspirierender Reportagen, genialen DIY-Ideen und Fotostories, die vom Leben erzählen.

Was wird 2020 neu?

In unserer neuen #dailylife-Rubrik werden Teens aus ihrem normal-verrückten Alltag berichten und erzählen, wo sie dort Gott entdecken. In der „Girlz&Boyz“-Rubrik werden ab jetzt typische Fragen von Mädchen und Jungs auf ermutigende Art beantwortet. Und: Eine extra Doppelseite bietet von nun an Kleingruppen-Material, um mit der Jugendgruppe oder dem Hauskreis einen coolen Abend mit Tiefgang zu verbringen. Das alles gibt´s in neuem klaren Design.

Vielen Dank für das Gespräch, Tobias!

Mehr Infos: www.teensmag.net

Kinder brauchen Zutrauen!

Meine Kinderkonzerte stehen unter dem Motto „Mitmach- und Mutmach-Konzerte“. Gerade das „Mutmachen“ ist mir besonders wichtig. Ganz fest soll sich die Botschaft bei meinen kleinen Zuhörern verankern: Du bist etwas Besonderes, ein wertvolles Geschöpf Gottes. Du kannst schon so viel, hast viele Fähigkeiten, auf die du stolz sein kannst. Du wirst noch viele Fähigkeiten in dir entdecken. Und was du jetzt noch nicht kannst, schaffst du vielleicht in ein paar Jahren.

Prägende Jahre

In den ersten Jahren unseres Lebens prägt sich unsere Grundhaltung zu uns selbst und zum Leben. Ich bin davon überzeugt, dass der Grundstock dafür, ob ich ein ängstlicher, unsicherer Erwachsener oder aber ein selbstbewusster, neugieriger, kreativer und positiver Mensch werde, schon in den ersten Lebensjahren gelegt wird. Wenn ich immer wieder hören musste: „Das schaffst du ja doch nicht, lass mich das für dich machen“, dann schleppe ich diese vielen „Neins“ wie Ballast durch mein ganzes Leben. Wenn ich aber erlebt habe, dass meine Mitmenschen und vor allem meine Familie an mich glauben, mir etwas zutrauen und mich bei Schwierigkeiten ermutigen, dann kann ich befreiter und selbstbewusster ins Leben gehen.

Lernen, mit Grenzen umzugehen

Die Kindergartenjahre sind dabei besonders wichtig. Im Kindergarten gibt es noch keinen Leistungsdruck. Ich kann mich ausprobieren, neue Fähigkeiten entdecken. Wenn erst die Schule beginnt, dann steigt damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich an meine Grenzen komme, dass ich erkennen muss, ich kann eben doch nicht alles. Diese Hürden zu überwinden und auch mit unseren Grenzen umgehen zu lernen fällt uns viel leichter, wenn wir schon in frühen Jahren ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln konnten.

Geduld statt schneller Hilfe

Auch wenn das in der Theorie gut klingt, ist es in der Praxis oft nicht einfach. Ein Beispiel? Die Eltern holen ihr Kind aus dem Kindergarten ab. Das Kind versucht, sich die Straßenschuhe anzuziehen und selbst eine Schleife zu binden, was sie in der Gruppe gerade geübt haben. Aber es dauert. Da kommt der Kommentar der Eltern: „Nächstes Mal kaufen wir wieder Schuhe mit Klettverschluss, das geht schneller“. Oder „Lass mich das schnell machen!“ Natürlich meinen wir das nicht böse. Wir wollen unserem Kind helfen, aber es sind trotzdem entmutigende „Neins“. Etwas liebevolle Geduld und einige aufmunternde Worte von uns könnten Wunder bewirken.

Unser Sohn hat eine leichte Spastik, die ihn motorisch einschränkt. Wie oft habe ich meinem damals 10-jährigen Sohn das Nutellabrot geschmiert, weil ich die Sauerei vermeiden wollte, die bei seinen eigenen Versuchen entstand. Aber auch wenn er da seine Schwierigkeiten hatte, kann ich ihm ja nicht sein Leben lang Brote schmieren. Ich musste mich stattdessen bemühen, dass er auch allein gut zurechtkommt. Ermutigende Worte, Geduld und vielleicht ein „griffigeres“ Messer hätten meinem Sohn sicher mehr geholfen als mein Versuch, ihm die Schwierigkeiten abzunehmen.

Uwe Lal ist mit seinen Mitmach- und Mutmachkonzerten auf Tour. Passend zum Beitrag finden Sie seinen Titel „Sag bitte nicht, das kann ich nicht“ unter www.uwelal.de/produkt/wir-kindergartenkinder/

„Das Kind meiner Freundin haut – und sie greift nicht ein!“

Das ist eine heikle Situation. Auf der einen Seite verhält sich das Kind Ihrer Freundin so, dass Sie eingreifen möchten, auf der anderen Seite ist es nicht einfach, in den Verantwortungsbereich einer anderen Mutter einzudringen. Aber Ihr Gefühl, dass man nicht einfach darüber hinwegsehen darf, ist absolut gerechtfertigt.

Das Hauen hat einen Grund

Die Frage, die sich mir als Erstes stellt, ist, warum das Kind andere Kinder schlägt. In der Regel kann man davon ausgehen, dass dieses Hauen nicht einfach nur frech ist, sondern dass ein ungesehenes Bedürfnis oder eine Not dahintersteckt. Vielleicht fühlt sich das Kind mit anderen Kindern gestresst oder ungerecht behandelt? Oder es fühlt sich in einer bestimmten Situation übersehen und erhofft sich mehr Aufmerksamkeit? Nicht selten hat so ein Verhalten auch damit zu tun, dass Kinder selbstbestimmt leben wollen und ihre Gefühle in diesem Alter noch nicht regulieren können, wenn sie an eine Grenze stoßen. Es kann also viele Gründe für solche Reaktionen geben. Deswegen ist es sinnvoll zu überlegen, was die Ursache sein könnte, und sie vorsichtig mit der Mutter zu thematisieren.

Fragen Sie Ihre Freundin auch, warum sie das so laufen lässt. Auch hier können unterschiedliche Gründe vorliegen. Ist es Unsicherheit, Resignation oder Überforderung, unter der sie leidet? Dann ist Ihre Freundin vielleicht sogar dankbar, wenn sie sich austauschen kann und Unterstützung bekommt. Ist es aber Gleichgültigkeit oder eine bewusste Entscheidung für diesen Erziehungsstil, könnte das Gespräch etwas schwieriger oder sogar kontrovers werden. Aber auch dann dürfen Sie klar und liebevoll Ihre Position vertreten und auf den Missstand aufmerksam machen.

Eigene Grenzen klar formulieren

Natürlich ist es nie leicht, andere mit Kritik zu konfrontieren. Aber wenn Sie vorrangig von ihren Empfindungen und Sorgen sprechen, könnte das Gespräch zu einer Haltungsänderung führen. Wie sehr Sie sich selbst in diesen Konflikt investieren möchten und können, hängt sicherlich auch von der Intensität Ihrer Freundschaft ab. Je enger der Kontakt ist und je häufiger sich die Problematik aufdrängt, desto wichtiger ist es, eine Lösung zu finden. Doch letztlich müssen wir uns bewusst machen, dass wir andere Menschen nicht ändern können, wenn sie keine Einsicht haben.

Erleben Sie eine konkrete Situation, in der Sie selbst geschlagen werden, ist es angebracht zu reagieren, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem Konflikt mit der Freundin führt. Wenn Ihre Freundin über das Hauen ihres Kindes hinweggeht, können Sie trotzdem Ihre Grenze klar formulieren: „Stopp, ich möchte nicht, dass du mich haust.“ Diese Rückmeldung braucht das Kind unbedingt. Genauso wichtig ist es, andere Kinder, die gehauen werden, zu schützen und das Kind ihrer Freundin zu begrenzen und aus der Situation zu nehmen. Auch wenn das eigentlich vorrangig die Aufgabe der Mutter wäre, ist es angemessen, sich hier einzumischen, weil es um andere Kinder geht.

Sonja Brocksieper  ist Diplom-Pädagogin und Mitarbeiterin bei Team.F.

Dieser Beitrag ist zuerst in der Zeitschrift family erschienen.